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Nur mal am Rande

„Schnell, schnell - das ist keine Reise. Reisen heißt sich Zeit zu nehmen.“ Sagt ein altes afrikanisches Sprichwort. Und um es mit Fernando Gallianis Worten zu sagen: „Wie es Leute gibt, die Bücher wirklich studieren, und andere, die sie nur durchblättern, gibt es Reisende, die es mit Ländern ebenso machen: Sie studieren sie nicht, sondern blättern sie nur durch.“

Der einzige Vorteil dabei ein Land nur durchzublättern besteht wohl darin, nicht Gefahr laufen zu müssen, dass einem die Fülle an Eindrücken und Informationen irgendwann droht, den Verstand zu sprengen. Aber reist man nicht genau deswegen, um immer von Allem ein bisschen zu viel zu haben? Letzte Woche lief hierzu passenderweise ein nepalesisches Liebesduett im Radio. Als sie ihn singend fragte „Warum explodiert mein Verstand?“ antwortete er nur „Damit mehr Platz für Träume ist!“

allgemein

Ich für mein Teil hätte manchmal gerne acht Augen, vier Gehirne und ein rmonströses Herz, um all diese Impressionen auf einmal aufsaugen zu können. Stattdessen wird es wohl die nächsten Wochen andauern, alles Gesehene, sowohl Positives als auch Negatives, zu verarbeiten.

Und in all den Tagen hier, gab es viele Randerscheinungen, welche - ob nun groß oder klein - in die Summe des Ganzen fließen. Kleine Absurditäten...zu unwichtig, um ein Buch darüber zu schreiben, aber viel zu wichtig, um nicht erzählt zu werden.

Also lauschen wir heute noch einmal dem Herzschlag dieser kleinen Geschichten und Fakten aus dem mirakulösen Nepal, die sich in den letzten 20 Tagen nicht in diesen Blog bequemt haben.

Eye, eye, eye, was seh ich da?!

kajalSchon damals in Indien (wie Jetset-Rudyard-Kipling-mäßig das sich anhört) wunderten mich die Babies und Kleinkinder, deren Augengröße mit einer Kajal-Umrandung fast verdoppelt wurde. Hier in Nepal traf ich sie wieder...also nicht dieselben Babies, sondern die Art, sie übertrieben zu schminken. So denkt man jedenfalls, wenn man dieses Schauspiel zum ersten Mal sieht und direkt kleine-Miss-Wahl-eske Vergleiche zieht. Aber das Ganze verfolgt neben dem modischen und dem Sonnengott huldigenden Aspekt, einen traditionell praktischen. Und zwar soll diese Verdunklung der Augenhöhlen Sonnenstrahlen schlucken, welche direkt ins Kinderauge einfallen, so wie Schmutz abfangen, von dem es ja sowohl in Nepal, als auch in Indien nicht wenig gibt.

Was haben wir also mal wieder gelernt?! Alle Vorurteile sind von der Kultur geprägt, in der wir aufgewachsen sind.

Honky-Tonk

Während man das Hostel, dank der nächtlichen Hundesirenen, eher als Schloss Bell-vue bezeichnen könnte, kann  man Kathmandu City wohl auch ohne weiteres in Honk-Kong unbenennen. Während die Hunde allerdings in der heißen Mittagssonne eine Pause einlegen und die Schnauze halten (das heißt bei Hunden so), so verstummen die Töne in der Innenstadt niemals.

hupenHupen gehört zum nepalesischen Straßenverkehr wie Linsen ins Dhal Bat. Um Björn a.k.a. Jyala zu zitieren: „Die Nepalis hupen nicht. Sie nehmen nur die Hand runter, wenn sie nicht hupen wollen.“ Eine mehr als treffende Aussage. Und da der Mensch ein Gewohnheitstier ist, hört man es nach einer Weile glücklicherweise auch nicht mehr.

Den größten Witz in Form eines Verkehrsschildes entdeckten wir allerdings gestern erst. Nachdem die Verwunderung dem Fakt wich, dass es hier tatsächlich überhaupt Verkehrsschilder gibt, amüsierte der aufgedruckte Hinweis dann umso mehr. Das Schild zeigt eine durchgestrichene Hupe. „Wow“ dachte ich mir. Ähnlich wirksam, wie wenn man aufs Gipfelkreuz des Mount Everest „Schneien verboten“ schreibt. 

Wütende Vögel

angry birds 1Wie es in Deutschland Donald Duck an die Spitze der Rangliste wütender Vögel schaffte, erobern und invasieren in Nepal eine Horde kleiner runder Flattermänner den Alltag. Die auch bei uns äußerst bekannten Angry Birds haben anscheinend die Merchandisekraft von Walt Disney ums Zehnfache potenziert und es selbst an die entlegensten Stellen Nepals geschafft.

angry birds 2Es wirkt schon teilweise unfreiwillig komisch, wenn ein Reisbauer auf seinem Feld im Nirgendwo, plötzlich in quietschbunten Angry Birds Latschen seinen Ochsen durch den Schlamm treibt. Von Arm bis Reich und Jung bis Alt kann anscheinend keiner dem Hype entkommen. Wie eine Grippe die wahllos zuschlägt und jeden X-Beliebigen infiziert. Da ist selbst die Bohème in ihrer nunmehr vogelgebrandeten Haute Couture nicht vor gefeit. Im Kinderdorf dienen die Vogel-motivierten Shirts sogar als Uniformersatz bei den Vorschulkindern.

angry birds 3

Ein ganz absurder Trend, der sich da lawinenmäßig über Asien legt. Ich werde an der Lösung und Erklärung dieses Phänomens dranbleiben. Bis dahin beschließe ich diesen Abschnitt vorerst mit den Worten meines guten Freundes Hermann Hesse: „Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will, muss eine Welt zerstören.“ Hoffen wir mal auf die Metaphorik dieser Worte.

Steinhalt

steinbremseVerkehr in Nepal die Zweite. Während es in Nepal ein Defizit an vernünftigen Autos gibt, sind schrottreife Karren im Überfluss vorhanden. Ähnlich verhält es sich mit den Ersatzteilen für die antiquierten Gefährte. Während Handbremsen Mangelware sind, kann man sich mit Steinen - sogar im wahrsten Sinne des Wortes – tot schmeißen. Warum also nicht aus der Not eine Tugend machen, und das Auto mit einem Stein aufhalten, wenn es das nächste Mal wieder eigensinnig den Berg runter rollen will.

Wie sonst auch, ist es aber auch hierbei ein schmaler Grat zwischen ganz lustig und beängstigend, wenn zum Beispiel ein Reisebus nur von einem faustgroßen Stein davon abgehalten wird, sein eigenes Ding zu machen.

Aber der Stein der Weisen sieht dem Stein der Narren eben zum Verwechseln ähnlich…sagt jedenfalls Ringelnatz.

Wort-Trennung statt Mülltrennung

Wworttrennung 3enn die Nepali sich einig sind, dass Obstabfälle zu Plastik gehören, so sind sie ebenfalls einhellig der Meinung, dass wel und come getrennt werden müssen. Und ebenso viele andere Worte der englischen Sprache, denen anscheinend seinerzeit vom Dolmetsch-Guru Nepals hydramäßig der vokabulare Kopf abgeschlagen wurde.

worttrennung 2Good und bye, to und gether, sowie wel und come, sind in Nepal also geschiedene Worte. Auch hier stellt sich wieder die Frage woher die Motivation dafür kommt und ob man als Rechtschreibrevolutionär wohl Geld verdienen kann. Aber manchmal ist es wohl einfacher eine Frage zu begraben, als die Antwort darauf zu suchen.

Too Borg

Wtuborg 2as dem Bekleidungssektor sein Angry Bird ist, ist dem Immobilienmarkt wohl sein Tuborg. Auch hier steht man wieder verwundert in der Hinterwelt und fragt sich „Habe ich was verpasst?“. Auf wirklich jedem Haus und gehört es noch so einer armen Familie, die versteckt in den Bergen gebaut hat, befindet sich wohl irgendwo auf dem Mauerwerk ein Tuborg-Schriftzug.

Ttuborg 1uborgs Plan ist hierbei nicht ganz offensichtlich...Ob Sie nun die Weltherrschaft anstreben und zuerst in den entlegensten Ecken anfangen, um völlig konkurrenzlos zu bleiben, oder ob sie vor Tausenden von Jahren vom Planeten Tuborg kamen, um mit ihren Raumschiffen all diese Häuser zu errichten. Diese Werbekampagne, oder wie man das nennen möchte, macht ungefähr so viel Sinn, wie einen Geldschein anzuzünden und dann schnell wegzurennen, damit man nicht mal was von Wärme und dem bunten Feuer hat.

Bunny makes the world go round

playboyIn der westlichen Welt ist der berühmteste Meister aller Lampen wohl der Osterhase. In Nepal ist es tatsächlich der Playboy-Bunny, der allerdings in keinerlei Verbindung zum Playboy steht, denn den gibt es Hierzulande gar nicht. Daher wird das Häschen in dem sonst so moralisch-sittlichen Staat völlig unbedarft überall draufgedruckt. Und unbescholtene Bürger wirken plötzlich wie verwegene Großstadtdandys. Aber was keiner weiß, macht ja auch keinen heiß.

Einreißbestimmungen

Was hätte Berlusconi seinerzeit gemacht, wenn er einen Hubschrauberlandeplatz mitten in Rom gebraucht hätte? Stimmt, er hätte das Pantheon abreißen lassen. Völlig selbstverständlich bei Eigenbedarf in höheren Angelegenheiten. Diese Attitüden haben die Politiker hier in Nepal sich anscheinend ernsthaft irgendwo abgeguckt oder sie gar erfunden.

straße weggerissenKlar ist es schön, dass sich die da oben, mal um Dinge wie den Ausbau von Straßen kümmern, nur heiligt der Zweck eben nicht immer die Mittel. Kurzerhand wurden Treppen, Vorbauten und Ähnliches vor Häusern in diversen Stadtteilen als illegal errichtet eingestuft und mit der Abrissbirne in die ewigen Jagdgründe geschickt. Die Straße kann nun erweitert werden, allerdings kommen die Menschen nicht mehr in ihre Häuser. Alte Frauen, Männer und Kinder müssen einen Meter hoch und höher in Geschäfte oder ihr eigenes Treppenhaus gehoben werden, da keine anderen Zugangsmöglichkeiten mehr vorhanden sind.

Ein trauriger Zustand und ein herber Rückschlag für die Menschen, die sowieso jeden Tag ums Überleben kämpfen müssen. Es trägt nicht gerade zur Umsatzsteigerung eines Ladens bei, wenn die Augen jetzt da sind, wo früher die Füße waren. Und ob die Straße überhaupt jemals fertig gestellt wird, steht nochmal auf einem ganz anderen Blatt.

Flagge zeigen

flagge-nepalSonst in vielen Dingen eigenartig, zeigt sich Nepal von seiner Flaggenseite ziemlich einzigartig. Es ist die einzige Flagge der Welt, die keine rechteckige Form hat. (Bevor das Geschrei wieder losgeht: die Quadrate der Schweizer und der Vatikan-Flagge zählen ebenso zur Gattung der Rechtecke). Und sie ist die einzige, mit mehr als vier Ecken. Früher waren es zwei kleine Flaggen, die dann in den 1960ern zu dem einzigartigen Halb-Tannenbaum zusammengefügt wurden. Die Farben Blau und Rot stehen für Frieden und die Blüte des Rhododendronbaumes für die nepalesische Nationalpflanze.

Seit über 50 Jahren schon weht diese außergewöhnliche Flagge für ein beeindruckendes Land.

 

Das waren sie also für heute...neun Geschichten, die erzählt werden wollten. Aber Erzählungen über Nepal enden ebenso wenig mit diesen letzten Sätzen, wie sie mit den ersten begonnen haben. Sie gehen immer weiter.

Weitergehen wird es für mich allerdings erst einmal nicht, da morgen Zeit ist um Abschied zu nehmen. Ein letztes Mal heißt es hier und jetzt: „Gute Nacht Bungmati…Gute Nacht Brüder und Schwestern.“