Font Size

SCREEN

Layout

Cpanel

Beiträge

Sprachlos oder Aus der Vogelperspektive

Heute früh ist in der Metallwerkstatt das Schweißgerät explodiert. Stimmt zwar nicht, aber ich dachte mir, ich starte den heutigen Eintrag mal mit einem Knall. Was allerdings stimmt, ist dass wir ein Schweißgerät haben und ebenso eine Metallwerkstatt - und beides wird heute benutzt. Das ist Entertainment pur für die Jugendlichen. Ein bisschen Nervenkitzel und helles, helles Feuer. Ähnlich cool, wie damals im Chemieunterricht, wenn der Lehrer das Magnesiumband angezündet hat und man nicht reingucken durfte, es aber trotzdem gemacht hat und dann 4 Stunden lang riesige blaue Punkte am Horizont sehen konnte.

schweißen schweißen 2

Es stellt sich tatsächlich als eine mittelschwere Aufgabe heraus, die Jungs und Mädels sowie die komplette Nachbarschaft davon abzuhalten, in das magische Licht zu schauen. Da nur zwei Schweißmasken vorhanden sind, muss also ständig aufgepasst werden, dass sich nicht doch wieder ein neugieriger Blick verirrt. Die offene Bauweise einer Garage, erleichtert das ganze leider nicht.

waschen 2Das Schweißen an sich, scheint aber sichtlich Spaß zu machen. Und während sich die Jungs mit Stahl und Feuer beschäftigen, lassen es die Mädchen mit Textil und Wasser krachen. Manchmal schmeißt Nepal einen halt mal eben wieder 100 Jahre zurück. Der Strom fällt aus, die Wasserpumpe arbeitet nicht, die Tanks bleiben leer - ergo muss die dreckige Wäsche, wie zu Omas Zeiten im Fluss gewaschen werden.

waschen 1Was das Kurzwaschprogramm einer Maschine an Zeit verbraucht, geht hier alleine für den Hinweg drauf. Ganz davon zu schweigen, dass das Waschen an sich und der Rückweg mit der nassen schweren Wäsche, auch kein Zuckerschlecken sind. Aber die Dinge, die wir immer noch krass finden, sind hier so normal, wie sich die Schuhe zuzubinden - einfach nicht nennenswert.

schweißen 3Im Hostel derweil sind die ersten Erfolge zu verzeichnen und es blitzt und dampft nur so aus Garage Nummer zwei. Hier, im Schatten des Himalaya, kann man noch ein richtiger Mann sein. Gesprochen wird hier kein Wort, sondern nur geschweißt bis das Metall dampft. Wie sagte auch schon Johann Wolfgang von Goethe: „Berge sind stille Meister und machen schweigsame Schüler“.

Die Sprache war hier in den letzten zweieinhalb Wochen eh nie ein großes Thema. Die Verständigung zwischen Europa und Asien fand meistens auf einer spirituellen arbeits- und sinnorientierten Metaebene statt. Gerne erinnere ich mich an kommunikative Glanzstunden zwischen Erhan und Didi. Beide agierten getreu dem Motto ’Konsequenz und Kompromiss sind Todfeinde auf Lebenszeit’ und schmissen verschwenderisch mit Vokabeln in der eigenen Sprache um sich, bis tatsächlich ein Dialog entstand, der etwas andauerte.

Am Ende hatte jeder ungefähr das was er wollte, außer auch nur ein Wort verstanden zu haben. Diese Momente waren für mich die königlichen Gipfel des mondialen Konnex’.

jit in der fabrikAuch nicht selten unspannend, gestaltete sich die Informationsübermittlung mit Jit dem Hausmeister, von welchem ich ganz spät erst mitbekam, dass er überhaupt irgendeine Sprache spricht. Die meisten Interaktionen liefen bis dato über Blicke und Gesten. Heute allerdings konnte ich seine winkende Handbewegung lohnend als ’Folge mir!’ interpretieren und wir verschwanden hinterm Hostel, wo sich 50 Meter weiter ein massives, leerstehendes Haus befindet. Dachten wir jedenfalls, bis Jit mir und allen anderen, die dem Winken gefolgt waren, die Räume im Souterrain zeigte.

teppichfabrik 1’Baboum’ dachte ich mir, wo kommt denn plötzlich die Teppichfabrik her?! 20 Leute sitzen hier an ihren Webstühlen und jagen 12 Stunden lang pro Tag ihre Schussfäden durch die Kettfäden. Einfach so, völlig versteckt und unbemerkt, selbst von uns als Nachbarn. Und wohnen tun sie ein Stockwerk darüber.

Wir sind total fasziniert davon all die Zeit nichts mitbekommen zu haben sowie von der ungemeinen Perfektion und Schnelligkeit aller Handgriffe, die wir dort beobachten. Eine alte Frau sitzt alleine in einem Nebenraum und bringt die gefärbte Wolle per Hand in Knäuelform. Wahrscheinlich sitzt sie dort schon seit mehreren Jahrzehnten und weiß mehr über die Beschaffenheit von Wolle, als das Schaf, das sie trägt. Berge davon in allen Regenbogenfarben stapeln sich daneben, während ihr Gesicht allerdings eher die Farbe des blanken, kalten Steins hat, der sie umgibt.

teppichfabrik alte frau

Unser Trostpflaster ist heute, dass diese Menschen beim erfolgreichen Verkauf ihrer Teppiche, gutes Geld machen können. Jit selber hat hier über zehn Jahre lang geknüpft und gelebt, bis Didi im Hostel als Haushälterin anfing und kurz später die Hausmeisterstelle frei wurde. Sein Leben gefällt ihm jetzt besser, sagt er.

Als wir den Rohbau verlassen, drehe ich mich noch einmal um und muss dabei an den folgenden Satz eines Tomte-Songs denken: „Du schlägst dich durch dein Leben wie ein Kolibri fliegt“. Das tun wir alle irgendwie, ob hier oder anderswo auf der Welt. Der Unterschied sind nur die Dinge, mit denen wir uns herumschlagen. Ist diese Teppichfabrik jetzt ein Vogelkäfig oder ist es vielmehr die ganze Welt? Ich weiß es nicht, denn im Endeffekt, habe ich genauso wenig Ahnung wie alle anderen da draussen, die niemals alles wissen können, sondern das ganze Leben lang lernen.

teppichfabrik 2 teppichfabrik außen