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Es ist Bergfest un Bungmati, dem kleinen Vorort von Kathmandu, in dem unser Hostel steht. Oder sollten wir es lieber Halbzeit nennen? Genau das ist der Knackpunkt und die philosophische Frage, die wir uns heute stellen müssen. Denn die verschiedenen Bedeutungen sind nicht unwesentlich. Wikipedia sagt dazu:

“Im Unterschied zu dem identisch anwendbaren, aber eher sachlich-neutralen Wort „Halbzeit“ ist „Bergfest“ vielschichtiger und besitzt eine wertende Komponente. Der betrachtete Zeitraum wird mit einer Bergbesteigung verglichen. Das Symbol Berg deutet an, dass der bereits absolvierte Abschnitt anstrengend oder anderweitig anspruchsvoll gewesen ist, und dass man eventuell den verbleibenden Abschnitt trotz gleicher Länge mit weniger Anstrengung zu bewältigen hofft.“

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Natürlich hofft man das immer, aber irgendwie gehört die Anstrengung ja auch dazu. Manche behaupten ja sogar, wenn’s nicht wehtut, machst du’s nicht richtig.

Wir versuchen jedenfalls, alles richtig zu machen. Mit jedem Tag. Und jeden Morgen versuchen wir den Gipfel wieder zu erreichen. Aber das ist sogar eigentlich gar nicht das Ziel hier, sondern es geht darum, die Jugendlichen auf dem Weg nach oben mitzunehmen. Den Pfad gemeinsam zu beschreiten.

Symbolisch gesehen stehen wir wohl in der Gesamtheit im Basislager unseres persönlichen Mount Everest. Die Werkstätten sind renoviert und spätestens nach einer sechsten, erneuten Tour nach Theku, von Martin und To-pi auch komplett ausgestattet worden.

allgemein 2Jetzt heißt es, sich kurz an die Luft hier oben zu gewöhnen, bevor wir mit dem zweiten Team der Seilschaft weiter aufsteigen.

Während Boris und Erhan morgen wieder umkehren, um den Weg nach Deutschland anzutreten.

Es ist immer hart, wenn man eine derartige Strecke gemeinsam gegangen ist, auf Wiedersehen zu sagen. Aber diesem Moment müssen wir uns glücklicherweise erst morgen stellen.

Heute heißt es dafür wieder einmal ’Hallo’. Denn noch lange nicht über den Berg sind Bernd, Björn und Stephan. Team Nummer zwei, oder ’Team Schulung’, wenn man so will. Was die erste Truppe vorbereitet und errichtet hat, wird die nächste nun als Ort des Schaffens nutzen, um Schulungen in den Bereichen Holz, Stahl und Elektrik durchzuführen. Das schreit bereits schon jetzt wieder nach Spitznamen, aber  dazu morgen mehr.

lernprozessBis in die Abendstunden wird noch in den Werkstätten gehämmert, lackiert und der letzte Feinschliff gemacht, um nachher eine saubere Übergabe zu garantieren. Und obwohl die Schulungen erst in ein paar Tagen beginnen, gibt es den ersten magischen Moment schon jetzt. Boris erzählt sichtlich begeistert davon, wie Udip Jhapendra zur Seite genommen hat, um etwas Gelerntes aus den letzten Tagen weiterzugeben und beizubringen. „Das ist genau das, wo wir hinwollen“ sagt Boris. „Das sie die beigebrachten Fähigkeiten einander weitergeben. Besonders wichtig wird das, wenn wir in zwei Wochen wieder alle in Deutschland sind.“

Die Steine rollen also, nun liegt es an Brick Jagger, Kies Richards und Co nach ihrer Ankunft heute Abend, den Jugendlichen Materialien und Kenntnisse näher zu bringen, damit sie weiter rollen können.

Nachdem wir heute schon über Berge geredet haben, gehen wir nun noch etwas höher und reden über das Verhältnis der Nepalis zum Tod und über ihre Bestattungsrituale. „Wow, super Themenwechsel!“ wird sich so mancher jetzt denken. Aber es gibt natürlich auch einen Grund dafür.

Auf dem Weg zum Begrüßungsessen am Abend, passieren wir einen Konvoy von Menschen, die eine in weiße Leinentücher gehüllte Leiche zum Fluss tragen. Erst spät erkennen wir den Zweck dieses Umzugs und den geschulterten Toten, da viele Beteiligte in weiß gekleidet sind.

bestattung fluss

Weiß ist die Farbe des Todes in Nepal, und der Verstorbene wird in diese unauffälligen Tücher gehüllt, um beim verlassen der Seele vom Körper nicht von Schmuck oder ähnlichem abgelenkt zu werden. Weiß ist rein genug, um den Übergang in die nächste Welt zu ermöglichen.

Am Fluss, und das ist im Fall von Kathmandu der Bagmati, werden die Toten dann aufgebahrt und verbrannt. Der Grund dafür ist, dass sowohl dem Feuer, als auch dem Wasser, magische Kräfte zugesprochen werden.

Bestattung am FlussDie Angehörigen umkreisen vor der Verbrennung den Toten, um den ewigen Kreislauf des Lebens zu simulieren. Der am meisten Trauernde bohrt nun bei jeder Umrundung des Verstorbenen ein Loch, in einen mit Wasser befüllten Tonkrug, um mit dem austretenden Wasser, dass schwindende Leben zu symbolisieren. Nach der dritten Umrundung wird das Gefäß am Boden zerschmettert und das Ende des Lebens ist damit angenommen und endgültig besiegelt. Abgewandt vom Toten entzünden sie schließlich das Feuer. Und damit sein Atman – sein Selbst beziehungsweise seine Seele – nicht am Körper haften bleibt, müssen die sterblichen Überreste komplett verbrennen.

Der Tod ist nur der Anfang. Dieser oft gehörte Satz ist der zentrale Glaube der Hindus bei der Frage nach dem Tod. Tue Gutes und dir wird im nächsten Leben Gutes widerfahren.

Ich glaube auch daran, diese Grundsätze zu leben und an die Existenz und Wirkung des Karmas. Allerdings mehr im hier und jetzt. Tue Gutes und dir wird im Leben Gutes widerfahren. Daran glaube ich schon immer. Seit ich in Nepal bin, noch ein Stück mehr.