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Der Himalaya - kein Stromberg

Beginnen wir heute mit einer kleinen Einführung in nepalesischer Energiehaushaltung. Es läuft wie folgt: Der Staat stellt zweimal täglich den Strom ab. Die Gründe hierfür sind angeblich verschiedenster Natur. Aber schmeißen wir einfach mal alle Verschwörungstheorien in einen Pott und rühren kräftig um. Dann ist es so, dass der Staat genug Strom hat, diesen aber bewusst zurückhält, um eine gewisse Kontrolle und Macht über das Volk zu behalten. Manche meinen aber, dass mehr als genug da wäre, der Verkauf des Stromüberschusses an das benachbarte Indien, weitaus lukrativer ist. Ebenfalls aber möglich ist, dass einfach zu wenig Strom vorhanden ist.

hostelAber egal, ob man sich für 1, 2 oder 3 entscheidet, hinter allen Toren lauert dann doch immer der Zonk. Der Strom wird eh abgestellt. Jetzt heißt es nur noch, sich darauf einzustellen. Und das geht erstaunlicherweise recht gut, wenn man die stromlosen Zeiten kennt. Diese ändern sich allerdings täglich, weil man dann noch wunderbar ein zweites Geschäft daraus machen kann.

Wie der Sportwagen, der für einen Euro verschleudert wird, aber das Lenkrad 100.000 extra kostet. Ebenso spitzfindig hat der Stromversorger zum Schnäppchen von 5 Rupien einen SMS-Dienst eingerichtet, den man sich wöchentlich kaufen kann, und somit weiß, wann man in den nächsten 7 Tagen die Lampen anhat.

Aber wie bereits gesagt: Man kann sich tatsächlich sehr schnell darauf einstellen und die Dinge um die Energielöcher herum planen. Schlecht allerdings, wenn man mitten in der Aufbauphase von Werkstätten in eine Schreinerei schaut.

Die Fuchsschwänze, welche wir in Theku besorgt haben, erfüllen nicht so hundertprozentig ihre Aufgabe. Oder um es mit Erhans Worten zu sagen: „Das sind keine Sägen.“ Des Weiteren haben wir festgestellt, dass die Kreissäge mit Strom etwas besser funktioniert. Und somit ist schnell der Entschluss gefallen, dass ein Generator her muß.

Der Leidtragende ist heute Tobi. Leidtragend nicht nur deswegen, weil er zum Kauf nach Theku, in die Höhle des Löwen muss – obwohl Hölle des Löwen es fast noch besser trifft – sondern auch, weil die meisten Nepalis sich den Energiesparmodus des Stromversorgers abgeguckt haben, und gefühlte 8 Stunden am Tag den Produktivitätsakku auf Standby schalten.

Das macht das Organisieren eines solchen Gerätes in diesem Smog’n’Roll Viertel noch mal unnötig komplizierter. Und wir erinnern uns, dass hier nicht einmal die Sägen, Sägen sind. Also schauen wir mal, was die Generatoren so können.

streichen 2 tisch fertig

Während die Jungs und Mädchen aus dem Hostel fleißig die Garagen streichen und Erhan unter Applaus mit Udip den ersten Tisch fertig zimmert, überquert Tobi mit Prabin (Finanzbuchhalter Freundeskreis Nepalhilfe e.V.) erneut den Bagmati, den Fluss, den es zu überqueren gilt, um tiefer in Kathmandus Herz zu dringen.

Ein sauberer klarer Fluss, so rein, als würde er einbagmati 2 paar hundert Meter vorher einer jungfreulichen Quelle entspringen. Die Ufer gesäumt mit weißem Kies, der in der Sonne leicht schimmert, und kräftigen, grünen Bäumen, welche die verschiedensten Früchte tragen. Quasi der Garten Eden unter den Flüssen. Und von diesem nehme man das exakte Gegenteil, und schon hat man den Bagmati.

500 Meter in beiden Richtungen von der Brücke entfernt, die ihn überquert, müssen alle Fenster im Auto fest verschlossen werden. Man kommt dennoch nicht umher, für mindestens die Überfahrt, Mund und Nase fest verschlossen zu halten. bagmati 1

Was das Ganze neben dem umwelttechnischen Aspekt so traurig macht, sind die Hütten, welche die Müllufer säumen. Und Müllufer bedeutet, dass sie tatsächlich ausschließlich aus Müll bestehen. Ebenso wie die Behausungen, dieser wirklich bemitleidenswerten Menschen. Wenn sich dieses Bild einmal in die Netzhaut gebrannt hat, vergisst man es so schnell nicht wieder. Und es wird einem klar, dass dies wohl einer der ärmlichsten Orte ist, die in ganz Nepal zu finden sind.

Aber hier heißt es für uns im Moment Augen zu und durch – in beiderlei Sinne. Ändern können, wird sich dieser Zustand leider sehr lange nicht.

Auf der anderen Seite der Brücke, weicht dann der wirklich wahnsinnig intensive Müll- und Kadavergeruch, dem so vertrauten schwarzen Rauch von Theku.

Mit viel Weitsicht, im Stadtteil mit wenig Sicht, kehrt Tobi nach einigen Stunden erfolgreich mit einer eisernen 5kW Lady zurück. Während aufgrund der Powerpause in der letzten Stunde nur noch gestrichen werden konnte, freut sich das teamtischer team nun umso mehr über die erlangte Unabhängigkeit. Nach dem Abladen des 120 Kilo Paketes vom Pick-up, gibt es vom Verkäufer höchstpersönlich noch eine Unabhängigkeitserklärung für Boris.

GENERATOR 1 streichen 1

Jhapendra, einer der Jungs aus dem Hostel beäugt diese Szene neugierig, um erstmal  dahinter zu kommen, was dieses Ding überhaupt macht.

generator 2

Als es dann endlich zu knattern beginnt, ist die Freude groß, wenn auch nur kurz. Denn im nicht gerade niedrigen Preis enthalten, waren nur 500ml Diesel zu Vorführzwecken. Bester Nepali-Service eben. Man macht nur das, was man machen muss.

Also heißt es für Bhim, Diesel kaufen zu gehen. Und das ist so ziemlich ähnlich, wie mit allen exotischen Gütern wie Holz, Schrauben oder Kaffee. Nicht ganz so einfach zu bekommen.

busfahren 1Ich begleite ihn auf diese Minireise, und eigentlich gibt es darüber nicht viel zu berichten. Aber es war doch wieder eine beeindruckende Erfahrung. 35 Minuten dauert die Fahrt im überfüllten Mikrobus bis zur nächsten Tankstelle. Bhim, der eigentlich Bhimraj heißt, fällt hier mit seinem 20 Liter Kanister überhaupt nicht auf.

Da fast keiner ein Auto besitzt, müssen nämlich auch noch Tiere, Koffer und Reissäcke mit in den Bus. Alle arrangieren sich damit und helfen sich gegenseitig beim Be- unt Entladen. Was aber für’s Herz schön anzusehen ist, gefällt dem Hintern nimmermehr.

busfahren 2Ungedämpft führt die Fahrt über Straßen, die ebenso keine sind, wie die Sägen keine Sägen.

Dafür atmet man aber wieder etwas nepalesische Alltagsluft. Und diese hier liegt nicht so schwer im Magen, wie eine Fahrt über den Bagmati. Sie bringt einem dieses wahnsinnig freundliche Volk wieder ein Stück näher. Nach 90 Minuten sind wir zurück von der Zapfsäule, oder Tankstelle, wie sie hier genannt wird.

tankenWie ein durstiges Kamel, schluckt der Generator jeden Liter aus dem Kanister. Zufrieden beginnt das gelbe Gehäuse leicht zu vibrieren, als wir den Schalter umlegen.

In einem manchmal allzu antriebslosen Land, sind wir endlich immer unter Strom.

Während die Maschine kontinuierlich brummt, hören wir nicht, dass uns aus der Ferne schon der Berg ruft.

„Ich mach euch fertig!“ schreit es von den Gipfeln. Aber das werden wir noch früh genug zu spüren bekommen.

Bhali Bhetoula – Bis morgen...